Newsletter | Forum | Fan-Shop |
Fehler Melden
 Mihaus Japan-Blog - Zelten im Selbstmordwald

Waidmannsheil Leute,

im letzten Eintrag habe ich Euch ein Highlight versprochen. Dieses Versprechen möchte ich hiermit einhalten.

Manche von Euch kennen vielleicht den Film „The Forrest“, welcher Anfang dieses Jahres in die Kinos kam. Der Horrorfilm handelt von einer Frau welche ihre Zwillingsschwester in einem Wald sucht. Das Problem an der Suche im in Japan gelegenen Wald ist jedoch, dass er allgemeinhin als Selbstmordwald bekannt ist. Menschen gehen normalerweise in diesen Wald, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der Name: Aokigahara.

Sagt Euch der Name etwas? Schon mal ein Wikipedia-Artikel oder eine Gruselgeschichte darüber im Internet gelesen? Dieser Wald existiert nämlich wirklich und liegt nordwestlich vom Berg Fuji. Einer meiner ersten Pläne seitdem ich erfahren habe, dass ich für ein Jahr nach Japan fliege, war es, diesen mysteriösen Wald mal zu besuchen. Mit der Zeit eskalierte der Plan von „besuchen“ zu „campen“ und durch den Film, welcher kurz vor meinem Abflug herauskam, wurde das Vorhaben nur noch gestärkt.

Als meine Mitbewohner leider spontan absagen mussten, stand das Abenteuer auf der Klippe und ich war mir nicht sicher, ob einer meiner ältesten Pläne für Japan nun doch nicht stattfindet (alleine würde ich NIE dahinfahren xD), doch zum Glück entschied sich ein Freund aus Deutschland spontan nach Japan zu kommen und diesen zog ich dann mit in den Wald. So fuhren wir am Montagabend mit dem Nachtbus nach Tokio von wo wir weiter nach Kawaguchiko fuhren, welcher der näheste Bahnhof zu Aokigahara ist. Von dort kann man entweder mit dem Bus zur Narusawa Eishöhle fahren, welche direkt am Eingang zum Wald ist, oder man geht die 11 km zu Fuß und genießt den herrlichen Ausblick auf den Fuji, welcher einen fast die ganze Strecke über begleitet.
Neben dem Ticketcounter zur Eishöhle befindet sich ein Toilettenhäuschen, hinter welchem sich der Eingang zum Wald befindet. Durch den Wald gibt es einen kurzen Wanderweg, auf welchen man direkt hinter dem Toilettenhäuschen kommt.

...

Dies wussten wir jedoch nicht...

Zumindest haben wir den Eingang nicht gefunden. Also gingen wir einfach irgendwo in den Wald hinein und stiegen über die unebenen Wurzeln des dichten Waldes. Gleich am Eingang trafen wir schon auf ein verlassenes und durch den Regen zerstörtes Zelt. Wir glauben jedoch nicht, dass dieses einem Suizidgefährdetem gehört, da es zu nah am vermeintlichen Eingang lag. Vermutlich war es das Zelt von Touristen, welche ebenfalls ein Gruselabenteuer erleben wollten. Trotzdem kamen wir durch das gefundene Zelt schnell in Stimmung: „In diesem Wald töten sich Menschen“...dieser Gedanke ging uns die ganze Zeit durch die Köpfe.
Durch Zufall landeten wir mitten auf dem Wanderweg durch den Wald, von welchem man dann hinter einer Absperrung in den „wirklich spannenden“ Teil des Waldes gelangt. Hinter der Absperrung gab es einen halbwegs begehbaren Weg, welcher durch gespannte Absperrbänder gekennzeichnet war, sodass Menschen, welche sich letztendlich doch gegen den Tod entscheiden, den Weg identifizieren können. Eine Zeit lang folgten wir den Bändern bis wir uns entschieden, den Weg zu verlassen und in die Tiefen des Waldes zu gehen. Gewappnet mit Google Maps fühlten wir uns sicher genug, um dies zu tun. Ein paar Meter nachdem wir vom Weg abkamen fanden wir auch schon abgelegte Kleidung und eine Getränkeflasche. So tief im Wald kann diese Kleidung nur eines bedeuten... Eine Frage die ich mir jedoch stelle: Warum hat die arme Person vor dem vermeintlichen Suizid auch ihre Unterhose ausgezogen?

Nicht unweit von der durchnässten Kleidung fanden wir einen halbwegs akzeptablen Platz für unser Zelt. Ich sage „halbwegs“, weil wir in diesem dichten Wald gar keinen perfekten Platz für unser Zelt finden konnten, da der Wald voll von Steinen und sehr, sehr dicht ist. So schliefen wir geschützt vom Zelt zwischen Steinen im Dunkeln im Selbstmordwald. Entschuldigt den Ausdruck, aber wir haben uns in die Hosen geschissen vor Angst. Durch die ungemütliche Fahrt im Nachtbus waren wir zwar müde genug, um schnell einzuschlafen, jedoch wachten wir immer wieder mal auf, da der Boden ungemütlich war oder wir aus der Ferne eine Sirene hörten. Eine verdammte SIRENE! Zwar vermutete ich, dass es sich um eine Polizeisirene handelt, aber es hätte auch eine Sirene wegen Erdbeben oder eine andere Katastrophe sein könnte. MITTEN IM WALD EIN ERDBEBEN! Ich war kurz vorm verzweifeln!

Am nächsten Morgen weckte uns ein starker Regen. Wir konnten unser Glück kaum fassen xD. Trotz Regen waren wir jedoch glücklich, dass uns nachts nichts zugestoßen ist (wie im Film) und wir noch lebten. Nun mussten wir nur noch aus dem Wald raus und dann so schnell wie möglich zurück nach Tokio. Zurück zur Zivilisation. Als wir rauskamen erfuhren wir dann auch letztendlich, dass der Ein-/Ausgang sich hinter den Toiletten an der Narusawa Eishöhle befand.

Die Nacht im Wald war eine nette Challenge. Wir konnten unsere Angst überwinden und übernachteten eine Nacht in einem Wald, in welchem vermutlich Leichen hingen. Der Wanderweg war voll von Schildern, welche dezent darauf hinwiesen, dass man sich doch bitte nicht töten soll. Auch eine Hotline für Suizidgefährdete wurde ausgeschildert. Ich bin jedoch froh diese Erfahrung gemacht zu haben. Und ich weiß jetzt jedes Bett und jeden Sitz im Nachtbus zu schätzen, weil alles gemütlicher ist, als ein Platz zwischen Steinen im Selbstmordwald.










 
Print

Powered by Contrexx® Software