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 Mihaus Japan-Blog - Mr. BBQ über Bildung, Rassismus und Geisha
 
Servus Leute,
mit freundlichen Grüßen aus Japan möchte ich Euch hier zum weiteren Beitrag auf Mihaus Japan Blog begrüßen.
 
Ich liege auf meinem gemütlichen Futon und bin froh, dass ich sozusagen zum Verfassen eines Eintrags gezwungen bin. Die Unterlagen für Hausaufgaben habe ich nämlich bei Freunden vergessen.
 
Hier hat am Freitag die goldene Woche begonnen, auch bekannt als Golden Week. Es handelt sich hierbei um eine Woche, in welcher ganze vier Feiertage enthalten sind: 

  • 29.04. Shōwa no Hi (昭和の日), der Geburtstag des schon verstorbenen Shōwa-Tennō (Kaiser Shōwa)
  • 03.05. Kenpō Kinen-bi (憲法記念日), der japanische “Tag der Verfassung”
  • 04.05. Midori no hi (緑の日), Tag des Grünen (erscheint mir eher wie ein Lückenfüller-Feiertag)
  • 05.05. Kodomo no hi (子供の日), Tag des Kindes. Die Freude ist besonders groß, da meine Gastfamilie an diesem Tag in einem kleinen Schrein das Fest feiern will und ich dort mithelfen darf
Ähnlich wie in Deutschland zu Weihnachten, bemüht man sich in Japan, soviel Urlaub wie möglich zwischen Feiertagen und Wochenende zu nehmen wie möglich. Auch ich habe in dieser Woche Ferien und somit keine Uni. Pläne für diese Woche wurden nun geschmiedet, aber hierzu erfährt ihr nächste Woche mehr.
 
Nun zur letzten Woche: ich habe mich ein wenig im Tandem versucht. Tandem bezeichnet ein inoffizielles Treffen zwischen zwei Muttersprachlern von jeweils einer anderen Sprache, während welchem man sich gegenseitig bei Hausaufgaben hilft und durch Konversation die jeweils andere Sprache erlernen kann. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen hier Deutsch lernen. Manche sogar schon jahrelang. Dieses Wochenende gab es sogar einen eigenen Stammtisch für Japaner, welche Deutsch lernen, und deutschsprachige Austauschstudenten.
Wirklich gutes Deutsch habe ich aus japanischem Munde jedoch kaum gehört. Es ist vermutlich ähnlich zum Sprachunterricht an der Schule. Man macht es ein paar Mal in der Woche, aber wirklich lernen - wie man eine Sprache eigentlich lernen sollte - tut man kaum...So schaute es zumindest bei mir und Spanisch/Französisch aus :)
 
Ein kulturelles Highlight ereignete sich am Mittwoch. Eine Kommilitonin fand ein Schnäppchen, in welchem man sich eine Geisha-Vorführung für nur 1000 Yen ansehen konnte. Früher, als der Beruf der Geisha noch populärer war, konnten nur Japaner mit viel Geld Vorführungen von Geisha bewundern. Da diese Tradition aber immer stärker ausstirbt und kaum ein Mädchen mehr die Ausbildung zur Geisha beginnt, musste man in der Branche auf den Tourismus zurückgreifen und solche öffentlichen Vorführungen starten.
Es war ein sehr komisches Gefühl, als man den Geisha zugeschaut hat und sich dessen bewusst war, dass man gerade eine aussterbende Tradition betrachtet. In ein paar Jahrzehnten wird eine solche Vorführung höchstwahrscheinlich zur Rarität und noch ein wenig später, wird man von Geisha nur noch im Präteritum sprechen können. Ich bin auf jeden Fall froh, diese Chance genutzt zu haben.
Das Thema der Vorführung waren die vier Jahreszeiten und eine kurze Geschichte über eine Prinzessin und ihren Liebhaber. Während Geisha mit ihren typischen weißen Make-up früher als Zeichen von Schönheit gesehen wurden, konnte ich anfangs keinerlei Attraktivität erkennen. Als sie jedoch synchron angefangen haben, kleinste Bewegungen durchzuführen, welche sowohl anmutig, als auch anziehend wirkten, verstand auch ich die Begeisterung um Geisha und Maiko (Geisha-Azubis).
 

Neues Thema: Jede Woche danke ich den ehemaligen Professoren der Tübinger Japanologie für ihre harte und grandiose Vorarbeit. Die Beziehung zwischen der Dōshisha-Universität in Kyōto und der Japanologie Tübingen ist so gut, dass man es sich leisten kann, uns jede Woche ein sogenanntes “Rahmenprogramm” anzubieten. So durfte unser Kurs am Donnerstag in das hauseigene Teehaus gehen und uns von einer angesehenen Teemeisterin die Kunst der Teezeremonie beibringen lassen. Kulturell interessant war die Vorstellung, aber vor allem blieb uns allen der eigens zubereitete Tee im Kopf, welchen wir einem unserer Kommilitonen servieren durften.
 
Inhaltlich interessant war vor allem der dieswöchige Unterricht. Jeden Dienstag hält der Leiter des Tübinger Zentrums in Kyōto ein Seminar über Minderheiten in Japan. Das Diskussionsthema war diese Woche “Rassismus” und ob man als Ausländer berechtigt ist, über den Rassismus in Japan zu urteilen. Einerseits kann man nicht bestreiten, dass die japanische Kultur und somit auch die japanische Denkweise sich von der Denkweise und Kultur des “Westens” unterscheidet und man hier unter “Menschenrechte” etwas Anderes verstehen könnte als bei uns. Auf der anderen Seite ist es sehr schwer zu akzeptieren, dass man z.B. in manchen Restaurants nicht reingelassen wird, weil man kein Japaner ist. Ich für meinen Teil wurde schon ein paar Mal mit oberflächlichen Reaktionen konfrontiert (siehe vorherige Beiträge über weglaufende Japanerinnen oder japanische Restaurants, welche keine Ausländer reinlassen wollen), welche so in Deutschland kaum vorstellbar sind (aber sicherlich auch vorkommen!). Die Wut über solche Ereignisse ist geringer als anfangs angenommen. Dies liegt höchstwahrscheinlich daran, dass man auch genug Gegenbeispiele erlebt, in denen man schlichtes Interesse an der eigenen Kultur erfährt oder stets Hilfsbereitschaft gegenüber dem oft verloren-wirkenden Ausländer zu spüren bekommt. So wichtig es also ist, über Rassismus (auch in Japan) zu sprechen, so wichtig finde ich es auch über die unrassistischen Seiten einer Kultur zu sprechen :)
 
 
Im Konversationsunterricht trafen wir auf japanische Studenten und Studentinnen, welche den Konvi-Unterricht freiwillig unterstützen. Das Thema “Bildung” wurde dadurch insofern glaubwürdiger gestaltet, da man die Meinungen von den Studenten höchstpersönlich bekommt.
Zwischen dem deutschen und japanischen Bildungssystem gibt es viele Unterschiede. So gibt es in Japan schon mal keine Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium, wie es zu meiner Zeit noch der Fall war. Es gibt in Japan nur einen Bildungsweg, welcher für alle gleich ist.
Ein weiterer krasser Unterschied sind die Preise der Bildung. Universitäten in Japan sind schweineteuer und ein Großteil der Studenten muss nebenbei arbeiten um die finanzielle Herausforderung stemmen zu können.
Ein Unterschied im Uni-System ist die Tatsache, dass es in Japan sehr schwer ist an eine Uni zu kommen (Stichwort: schwere Eignungsprüfungen...Manche Studenten nehmen zwischen Schule und Uni sogar ein Jahr Pause nur um zu lernen), vergleichsmäßig mit Deutschland ist es aber einfach die Uni abzuschließen. Das Unileben an sich ist, laut Aussagen der Studenten, sowas wie “die Sommerferien des Lebens”. Es ist wirklich so, dass man sich wohl dessen bewusst ist, dass man nach dem Studium in ein stressiges Arbeitsleben springt und von da an kaum mehr Freizeit hat (das Schulleben und vor allem die Lernphase vor den Eignungsprüfungen sind nicht unbedingt stressfrei). Deshalb lässt man im Studium die Sau raus, entspannt und gönnt sich, soweit es geht, ein chilliges Leben.
 
Funfact: Das Japanische BBQ ist geil XD Der Unterschied zwischen バーベキュー (bābekyū, BBQ) und dem deutschen Grillen ist wohl, dass Japaner immer in größeren Gruppen zu grillen erscheinen, während es in Deutschland ein Event für kleinere Gesellschaften (Familie, Freunde) ist.
Es gab sogar Würste...welche geschmacklich leider nicht vergleichbar mit den deutschen Würstchen waren. Aber natürlich trotzdem äußerst schmackhaft.
Gewinnen konnte ich einen neuen Spitznamen, welcher im ProWrestling-Circle, welchem ich beigetreten bin, auch mein Ring-Name sein wird: ミスターバーベキュー (Misutā Bābekyū, Mr. BBQ)...Warum ich so genannt wurde, kann ich nicht zu 100% sagen, aber höchstwahrscheinlich liegt es an meinem Bauchumfang ;)
 
Ich bin wirklich froh, so viel über die Denkweise auf “der anderen Seite der Welt” erfahren zu können und freue mich schon, Euch noch mehr darüber erzählen zu können.
 
Schreibt mir und folgt mir auf Instagram wenn ihr Lust habt :)






 
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