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 Mihaus Japan-Blog - Lockeres Shinto, Wanderlust und langweiliger (?) Alltag
 
Heute kommt ein verspätetes “Servus”.
 
Die Verspätung hat jedoch ein Grund: Heute fand eines der drei großen Feste Kyōtos statt: Das Aoi Matsuri (葵祭). Neben dem Gion-Fest und dem Jidai-Fest, zieht das Aoi-Fest jedes Jahr am 15. Mai Menschen auf die Straßen Kyōtos, um die Parade und die schwer gekleidete Prinzessin (welche natürlich keine echte Prinzessin ist) zu betrachten. Des Weiteren handelt es sich hierbei um das älteste Fest Japans!
 
Ich habe es mir erlaubt, die Erklärung zu diesem Fest von einer Freundin und meinem Lehrer erklärt zu bekommen. Ich kann Euch also nicht versprechen, dass die Infos die ich hier schreibe 100%ig der Wahrheit entsprechen. Einen Wikipedia-Artikel oder ein Bucheintrag jedoch abzuschreiben wäre ziemlich langweilig. Da finde ich die Erklärungen vor Ort viel interessanter, egal ob sie nun stimmen oder nicht.
 
Vor 1404 Jahren (solch eine genaue Zahl lässt mich daran glauben, dass die Leute gewusst haben, wovon sie reden) waren die shintoistischen Gottheiten Japans mächtig angepisst wegen irgendwas. Der Kaiser, welcher hauptberuflich auch heute noch shitoistischer Oberpriester ist, schickte vom damaligen Kaiserpalast (damals noch in Kyōto, nicht in Tōkyō) einen Boten an die Schreine Shimogamo und Kamigamo (beide in Kyōto). Der Bote überlieferte die Botschaft, wie man die Gottheiten wieder besänftigen kann. Also - das wurde mir wirklich so erzählt - schmückten alle ihre Köpfe mit Ästen, die Götter fanden dies geil und wurden somit besänftigt. Man konnte die Götter also relativ leicht bei Laune halten (ich meine...man hätte auch eine Jungfrau opfern können oder Unmengen an Geld an Schreine zahlen...aber wenn Äste wirklich reichen, gefällt mir diese Religion sehr ;) ).
 
Der Weg des Boten vom Kaiserpalast zu den beiden Schreinen wird jährlich beim Aoi-Fest nachgestellt. Hierzu nutzt man eine 1 km lange Parade, welche durch die Straßen Kyōtos läuft. Diese Parade war für mich, als Fasching-erprobten Deutschen, eine große Überraschung. Ohne groß nachzudenken, verband ich mit dem Wort “Parade” eine Menschenschlange mit lauter Musik und ein wenig Rumgeschreie. Dies war jedoch in keinster Weise der Fall. Die Paradenteilnehmer - alle wunderschön in traditionelle japanische Kleider gekleidet, marschierten in der Hitze still vor sich hin. Keine Musik und kein Rumgeschreie. Kulturtechnisch gesehen war es auf jeden Fall eine nette Erfahrung, aber durch die unbewusste Vorfreude auf eine Parade im deutschen Stil erweckte die japanische Parade ein Gefühl von Langeweile.
 

Des Weiteren war es diese Woche sehr schwer, nach der Goldenen Woche wieder in den Uni-Alltag einzusteigen. In Japan nennt man dies 五月病, die Mai-Krankheit. Während Schulen und Universitäten in Japan stets im April beginnen und man zu dieser Zeit voller Motivation in einen neuen Abschnitt seines Lebens einsteigt, vergeht diese Motivation innerhalb der Goldenen Woche, welche im Maianfang anfällt. Auch wir alle leiden unter diesem Gemütszustand.
  
So wurde unser allwöchentlicher Freitagsausflug zum Wochenhighlight. Wir fuhren in Richtung Nara (Südlich von Kyōto) um dort einen der ältesten Wege Japans entlangzugehen, welcher vor langer Zeit als Handelsweg fungierte. Genannt wird er 山の辺の道, also der Weg der Bergregion. Die Wanderung dauerte 6-7 Stunden und war geprägt von vielen geschichtlich wichtigen Orten. So sahen wir z.B. den ersten Sumo-Ring (welcher nur laut Mythologien der “erste” sein soll!).
Noch viel schöner als Geschichte waren jedoch die wunderschönen Ausblicke. Wie der Name des Weges schon sagt, wandert man um Berge herum und ist somit ziemlich weit über dem Wasserspiegel. Die Aussichten auf die Stadt Sakurai waren also atemberaubend! Aber seht selbst. Die schönsten Fotos habe ich jedoch auf Instagram hochgeladen und werde dies auch weiterhin tun! (habe noch viele nicht hochgeladen!)
 
Gewundert hat mich, wie schmal der ehemalige Handelsweg ist. Wenn man jedoch bedenkt, dass dieser Weg vor sehr, sehr langer Zeit genutzt wurde, war man damals vermutlich über jede halbwegs begehbare Straße froh.
 
Auf Wunsch eines Lesers möchte ich hier auch auf meinen Alltag eingehen. Es ist so, dass ich nicht wirklich an der Dōshisha Universität in Kyōto studiere. Offiziell bin ich immer noch Student der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Die Japanologie in Tübingen ist die einzige deutschlandweit, welche eine Außenstelle in Japan besitzt, das “Zentrum der Japanologie Tübingen” in der Dōshisha Universität in Kyōto. Das bedeutet, dass ich genau wie in Tübingen weiterhin normalen Unterricht habe und am Ende des Semesters Klausuren schreibe.
 
Montag-Donnerstag stehe ich also um 6:45 Uhr auf, dusche mich und esse ein Frühstück bestehend aus Toast mit Marmelade und Käse (ich liebe das Toast in Japan <3 ). Da Ōtsu, der Ort an dem ich das erste Semester lang lebe und leben werde, ein gewisses Stückchen entfernt von Kyōto ist, pendel ich täglich ca. 40 Minuten. Zuerst mit dem Zug nach Kyōto und dann mit der U-Bahn zur Uni (ich erlebe also jeden Morgen ziemlich volle Züge).
Der Unterricht findet meistens von 9:00 bis 12:15 Uhr statt. Wir haben also zwei Mal 1,5 Stunden Sprachunterricht (Grammatik, Konversation, Leseverständnis, Kanji). Eine Ausnahme stellt hier der Dienstag dar, welcher bis 13:00 Uhr andauert. An diesem Tag finden auch unsere einzigen deutschsprachigen Unterrichtsstunden statt, welche von der Zentrumsleitung geführt werden. Hierbei handelt es sich dieses Semester um ein Seminar zu Minderheiten in Japan und einer Übersetzungsübung.
 
An manchen Tagen gibt es noch zusätzliche Aufsatz- oder Grammatikübungen, da wir auch irgendwie unsere ECTS-Punkte bekommen müssen.
Nach dem Unterricht setzen sich meine Kommilitonen und ich oftmals in die Mensa und genießen das sehr leckere Essen in der japanischen Mensa. Am besten schmeckt das Käse-Hühnchen mit Reis.
 
Danach sitzen wir entweder im Tübinger Zentrum und machen Hausaufgaben, welche von den Dozenten stets eingesammelt werden (und man möchte es sich bei ihnen nicht verscherzen) oder gammeln am Fluss Kamo. Manche haben Aktivitäten von ihren Circles oder lassen sich bei Hausaufgaben von Japanern helfen.
 
Meine Circle-Aktivitäten sind Montag, Dienstag und Freitag -> nämlich das Gō. Da diese aber nicht streng organisiert sind und erst um 18 Uhr anfangen, gehe ich oftmals nur einmal in der Woche hin. Bei meiner Gastfamilie gibt es nämlich um 19 Uhr Abendessen, welches ich mir prinzipiell ungern entgehen lasse. Meine Gastmutter kann sehr gut kochen und solange ich das erste Semester eine Chance habe, gutes japanisches Essen zu konsumieren, nutze ich das gerne.
In Japan ist es, anders als ich es bisher kannte, nicht so, dass es ein spezielles Gericht zum Abendessen gibt. Der Tisch ist stets mit verschiedenen Gerichten überfüllt. Seitdem meine Gastmutter bemerkt hat, dass ich gerne Käse esse, überbackt sie nahezu alles damit. Curry-Reis ist ein Klassiker, über den ich mich immer freue. Auch Fisch esse ich hier gerne, obwohl ich in Deutschland Fisch nur ungern verzehrt habe (in Japan scheint er wirklich leckerer zu sein). Nach dem Abendessen plaudre ich ein wenig mit der Gastfamilie oder ihren Gästen (die Bude ist oftmals voll) oder gammel mich ins Zimmer und lerne/schreibe Blogs/chatte mit Freunden/Skype mit Familie.
Am Freitag finden dann Ausflüge oder Vorträge statt, welche vom Tübinger Zentrum organisiert werden. Diese sind auch oftmals Inhalt meiner Blogs.
 
Die Wochenendpläne variieren sehr stark. Oftmals wird am Freitag und Samstag gefeiert. Trotz alldem ist Samstag oftmals auch der einzige Tag, an dem ich wirklich ausschlafen kann. Wenn mal kein Ausflug geplant ist, gönne ich mir gerne einen Spaziergang entlang des Biwa-Sees. Vor allem jetzt, wenn die Tage heiß und sonnig sind, macht sowas irrsinnig Spaß und gibt einem die nötige Portion Ruhe.
  
Sonntags findet dann von 13-18 Uhr das Wrestling-Training statt, welches ich sehr gerne besuche. Kleinere sportliche Erfolgserlebnisse, coole Leute und ein netter Mix aus Sport und Schauspiel machen diese Stunden jede Woche zu sehr netten Erlebnissen.
 
Man kann also sagen, dass ich im Blog hauptsächlich die Erlebnisse aufzähle, welche am Wochenende geschehen. Es ist nun mal Fakt, dass unter der Woche der Zeitplan relativ durchgeplant und abwechslungslos ist. Deshalb freue ich mich auch schon auf die Semesterferien, in welchen sehr viele geile Sachen passieren sollen: Freut Euch schon mal! :)
 
Mit diesen Worten verabschiede ich mich und freue mich, wenn wir uns nächste Woche wieder lesen <3
 
Euer Mihau
 
 
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