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 Mihaus Japan-Blog - Erdbeben und rennende Japaner
Servus Leute. Neue Woche, neuer Eintrag :)
 
Zuallererst möchte ich etwas ansprechen, was viele von Euch vermutlich schon gehört haben: Vor ein paar Tagen ereignete sich ein starkes Erdbeben auf einer der Hauptinseln, Kyūshū. Ich war gerührt bei all den Anfragen von Freunden, ob es mir gut geht. Kyōto ist jedoch so weit vom Epizentrum entfernt, dass ich vom Erdbeben nur über die japanischen und deutschen Nachrichtendienste etwas erfahren habe.
Die Nachbeben auf Kyūshū dauern weiterhin an. Während ich hier also schreibe, bebt im selben Land die Erde und das sogar ziemlich stark. Laut meinem Gastvater sind 30 Menschen gestorben und 2000 werden vermisst. Wobei das wohl nur bedeutet, dass man 2000 Leichen noch nicht gefunden hat...
Ich denke an Kyūshū und hoffe, dass das alles so schnell wie möglich ein Ende findet.
 
Diese Ereignisse und die Art und Weise, wie meine Gastfamilie mir dass alles erzählt hat, lässt mich vor Respekt staunen. Wenn man an Japan denkt, denkt man an viele schöne Sachen. Man denkt sicherlich auch an die gesellschaftlichen Probleme, welche vor allem Minderheiten in Japan betreffen. Aber die Tatsache, dass die Menschen hier von Geburt an mit dem Bewusstsein leben, dass jederzeit eine Naturkatastrophe geschehen kann, wird oftmals - auch von mir - vergessen.
 
Meine erste und bis dato einzige Erfahrung mit Erdbeben hatte ich letzte Woche. Es handelte sich jedoch um ein sehr schwaches und kurzes Beben, was sich später als äußerst praktisch erwies. Ich legte mich nach einem Berg von Hausaufgaben gerade auf meinen Futon und war kurz vor dem Einschlafen, bis auf einmal alles anfing zu wackeln und zu beben. Aufgrund meiner Müdigkeit verspürte ich jedoch keine Angst und keine Aufregung, sondern lies mich ruhig und gemütlich in den “Schlaf wackeln”.
Aufgrund meiner Müdigkeit konnte ich wohl nicht mehr klar denken und dachte mir sogar, wie praktisch es wäre, wenn der Schrank neben mir einfach auf mich fallen würde und ich dann unter dem Schutz des Schrankes weiterschlafen könnte...
Ich bin gespannt auf die nächste Erfahrung mit Erdbeben...womöglich bin ich dann auch bei Sinnen und nicht im Halbschlaf xD
 
Doch nun zu einer Sache, welche in der heutigen Zeit unentbehrlich ist für das Alltagsleben ist: Internet! Letzte Woche traute ich mich mit meinem Japanisch zu einer Einzelberatung in Sachen “SIM-Karte” und “mobiles Internet”. Im großen Elektronik-Kaufhaus mit dem Namen “Yodobashi” wurde mir ein Angebot von U-mobile gezeigt. Für die Karte zahlte ich einmalig ~30 € und zahle dazu abhängig von meinem Verbrauch 7-9 € monatlich. Vergleichbar mit deutschen Preisen also. Der Unterschied liegt bei den Verbrauchsgrenzen. Während ich in Deutschland für 500 MB um die 9 € zahle, zahle ich hier denselben Preis für 3 GB! Etwas Praktischeres gibt es kaum, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Uni-WLAN grottig ist! Außerdem erklärt es, warum Japaner nahezu immer auf ihre Handys zu starren scheinen (wobei das in Deutschland auch nicht anders ist...nur ist es hier gemütlicher xD
 
Eine eher stereotypische Erfahrung konnte ich im Katzencafe machen. Ein Cafe in welchem man ca. 9 € zahlt, um Katzen streicheln zu können und ggf. etwas zu trinken. Im Cafe, in welchem ich verweilte, wurden nahezu alle Katzen auf der Straße aufgegabelt und so bekamen sie ein zuhause in welchem sie nur gestreichelt und beklatscht werden...ja beklatscht...sie wurden extra so erzogen, dass wenn man ihnen auf den Hintern klopft, sie sich hinlegen und sich streicheln lassen. Als Allergiker war diese Erfahrung entsprechend schwierig, aber trotzdem nett.
 
Auch meine Liebe zum Biwa-See konnte ich diese Woche vertiefen. Spontan entschied ich mich für einen kurzen Ausflug in die Stadt Sakamoto (坂本) und habe dort einen friedlichen grünen Platz direkt am See gefunden, welcher sehr beliebt bei Anglern war. Lustigerweise waren alle Japaner bisher sehr überrascht, wie stark ich den Biwa-See feier. Unter Japaner gilt er eher als schmutzig und “nicht schön”. Ich persönlich kann Euch Biwa nur empfehlen. Aber vielleicht bin es nur ich, dem der Biwa-See eine gewisse Portion Freude am Leben zuströmen lässt. :)
 
Eine weitere und für heute letzte Erfahrung möchte ich Euch hier aber nicht vorenthalten. Auch wenn es für mich persönlich eher traurig sein sollte, kann ich darüber nämlich nur lachen xD aber lasst ich ein bisschen weiter ausholen:
 
Meinen Kommilitonen und mir hat es eine Feierlokalität ganz besonders angetan, nämlich der Club namens “Ibiza”. Dort kommen wir als Ausländer stets umsonst rein. Als die Betreiber nach unserer ersten Nacht gemerkt haben, dass wir die Stimmung im Club stark anheben, werden wir nun auch immer mit Freikarten begrüßt.
 
Wenn man außerhalb von Kyōto wohnt und feiern will, muss man sich jedoch darauf einstellen, dass man bis frühestens 5 Uhr morgens feiert. Hier gibt es nämlich keine Nachtzüge mit welchen ich zurück in meinen Wohnort zurückfahren könnte.
Für uns stellt dies jedoch kein Problem dar. Wenn der Club als schon um 2 Uhr schließt (was für unseren Geschmack krass früh ist), gehen wir in eine nahegelegen Ausländerbar, in der man neben Shisha und anderen Ausländern auch nette Japaner antrifft.
So hatten wir an einem Abend nach einer intensiven Session im Ibiza eine gemütliche Runde im sogenannten “Zaza Pub” mit zwei netten Japanerinnen verbracht. Als auch dieser Pub um 5 Uhr dichtmachte, erfuhr ich, dass neben mir auch ein weiterer Kommilitone und die zwei Japanerinnen in dieselbe Richtung gehen müssen, um nach Hause zu kommen.
 
Also gehen wir in dieselbe Richtung, plaudern noch ein wenig, bis mein Kommilitone und ich auf einmal schnelle Schritte von uns weghören. Wir drehen uns um und bemerken, dass die zwei Japanerinnen, welche in diesem Moment hinter uns gegangen sind, plötzlich weg waren. Wir gehen ein paar Schritte zurück um zu sehen, was passiert ist und sehen, wie ebendiese zwei Mädels von uns weglaufen. Ohne ein “Tschüss” und ohne nix.
Auch wenn eine Interpretation hier schwierig ist, weil ich weder die Lebensläufe der beiden Mädchen kenne, noch mit ihnen über diese Situation reden konnte, liegt es nahe, dass sie letztendlich Angst davor hatten, mit uns beiden alleine irgendwo hinzugehen.
Natürlich stechen mein türkischstämmiger Freund und ich als vollbärtiger Bär unter all den Japanern stark heraus, was womöglich für gewisse Angstregungen sorgen kann. Dies würde man jedoch in Deutschland nach einer netten Nacht voller Geplauder und Lachen nicht als Ausrede für Wegrennen akzeptieren.
Da ich hier aber nicht in Deutschland bin, fand ich diese Erfahrung äußerst interessant, dass man mich (soweit ich es analysieren kann) für so angsteinflößend bewertet, dass man sogar nach netten Gesprächen einfach so wegläuft. 
 
Bevor man dieses einzelne Beispiel hier, für stereotypisierende Aussagen nutzt, möchte ich eine andere Beobachtung erwähnen. Bevor wir nach Japan kamen, wurde uns sowohl von Dozenten als auch von älteren Studierenden eingeredet, dass man in Japan IMMER komisch angeschaut wird und unterbewusster Rassismus dort sehr verbreitet sei.
Natürlich werde auch ich bärtig-dicker Glatzkopf im Zug angestarrt und manchmal hat man das Gefühl, dass einem etwas Unanständiges unterstellt wird. Auf der anderen Seite findet man in Japan (außer in gewissen Gebieten in der Touristensaison) wahrlich kaum Menschen, welche keine schwarzen Haare und schmälere Augen haben. Das man mich hier also anschaut, kann ich niemandem übelnehmen. Ich ging sogar davon aus, dass ich viel krasser angestarrt werde. Jedoch ist es eben gar nicht so krass, wie man es erwartet hätte.
 
Auch im Alltagsleben habe ich bisher nur nette und hilfsbereite Menschen getroffen, welche trotz Sprachbarriere mir sofort geholfen haben und sich wirklich Mühe gegeben haben, wie man sie in Deutschland nicht oft vorfindet.
 
Wie es jedoch mit engeren Freundschaften aussieht, kann ich nach solch kurzer Zeit nicht sagen. Doch der erste Eindruck ist: Japan ist ein sehr freundliches und hilfsbereites Land, und das für JEDERMANN!






 
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