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 Mihaus Japan-Blog - Die letzten Erlebnisse in Unnan, der Stadt der neuen japanischen Demokratie

Servus Leute,

Japan neigt sich dem Ende zu, nur noch ein paar Tage sind übrig, welche fürs restliche Packen, gammeln und Planen vom Leben zurück in Deutschland genutzt werden. Die letzten Eindrücke und Erlebnisse aus Japan sind schon hinter mir und natürlich werde ich diese hier mit Euch teilen!

Dies soll jetzt auch der mittlerweile vorletzte Blogeintrag werden! Danke fürs Durchhalten bis hierhin!

Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, war ich bisher auf drei der vier japanischen Hauptinseln: Während ich auf der Insel Honshū lebhaft bin, besuchte ich in den Sommerferien auch Shikoku (Stadt Imabari im Rahmen der Fahrradtour mit meinem Freund GI Joe, nachzulesen hier: [Leute ich bin tot] und Kyūshū (Stadt Miyazaki und Takachiho zu Besuch bei der Familie von Keidai, nachzulesen hier: [Alltag in Japan].

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht auf mir sitzen lasse, die vierte Hauptinsel nie gesehen zu haben. Also nutzte ich und vier weitere Freunde die Chance und wir flogen für fünf Tage ins kalte Hokkaidō, die nördlichste Präfektur Japans. Dort verbrachten wir die Nächte in einem Hipster-Hostel namens TenToTen, welches ich hier wärmstens empfehlen will! Für einen billigen Preis bekommt man hier gemütliche Betten, eine lockere Atmosphäre, supernette und gesprächige Angestellte und jeden Abend ein Freigetränk!

TenToTen liegt in Sapporo, der Hauptstadt Hokkaidōs. Angeblich soll diese Stadt auch eine florierende Stadt des „Neuanfangs“ sein, da viele Japaner dorthin ziehen, um ein neues Leben zu beginnen. Dies bemerkt man auch am allgemeinen Umgangston zwischen den Menschen: Während Hokkaidō ein arschkalter Ort mit Schneebergen an jeder Ecke ist, scheinen die Herzen der Menschen hier sehr warm zu sein :)

In Sapporo verbrachten wir drei Tage, und sahen uns alle Sehenswürdigkeiten an, die uns interessiert haben. So besuchte ich viele Orte, welche vielversprechende Aussichten boten (JR-Turm am Bahnhof, den familiären Schaafshügel und den Berg Moiwa mit einer atemberaubenden Aussicht aufs abendliche Sapporo und die Schneeberge neben der Stadt, alles nachzusehen auf Instagram und Facebook bei mihau_travel_exp) aber auch den laut wowsabi.co schrägsten Ort in ganz Sapporo: das Retrospace.

Hierbei handelt es sich um ein unscheinbares Geschäft/Museum mit ganz viel Retro-Stuff. Nicht nur alte Telefone, Puppen und Bücher findet man dort, sondern auch alte Pornos! Ja genau! Neben Fotos von nackten Japanerinnen (wohl aus der Shōwa-Zeit) entdeckt man schnell Tassen und Becher mit Motiven aus Farbholzschnitten, welche als erste Vertreter des „Hentai-Genres“ gelten. Viele Figuren von großbusigen Anime-Charakteren aus einer Zeit, in welcher ich vermutlich noch nicht mal auf der Welt war und eine Höschensammlung, welche ihresgleichen sucht, werten den Laden weiter auf. Wenn auch manchmal verstörend, war dies ein Ort mit sehr netten Mitarbeitern, welche uns sofort ansprachen und in lustige Gespräche verwickelten :)

Neben Sapporo besuchten wir die Stadt Otaru, welche am Meer liegt. Doch das Highlight dort war weniger der Hafen, sondern ein Schrein auf der Spitze eines Berges, welcher an sich nichts Besonderes war, doch der Weg von oben nach unten war ein sehr spaßiger. Auch Otaru war voll von Schnee, sodass, ein kleiner Trampelpfand zum Fuße des Hügels vollkommen vom Schnee bedeckt war. Da wir aber ein Haufen lustiger Menschen sind, entschieden wir uns prompt den ganzen Berg auf unseren Fußsohlen und Hintern runterzurutschen :) Wenn Ihr mal nach Hokkaidō kommt, denkt mal nicht an die nassen Schuhe und Hosen, sondern lasst das Kind in Euch raus und genießt den Schnee :)

Als Vorbereitung auf die Heimkehr besuchten wir noch ein bayerisches Restaurant, in welchem ich das erste Mal seit ungefähr einem Jahr eine gute Brezel essen durfte. Gemeinsam mit Weißwürsten wurde uns allen langsam klar, dass das Jahr hier sich sehr schnell dem Ende zuneigt...

Eine Gönnung am letzten Tage des Aufenthaltes gab es dann im Onsen Hoheikyo, welches im Gegensatz zum öffentlichen Bad hier bei uns vor der Haustür, von Vulkanen natürlich erhitztes Wasser anbietet. Der Innenbereich war ganz nett, doch der Außenbereich war der Burner! Man geht nackt raus in eine vom Schnee bedeckte Landschaft, tritt ins heiße Wasser und genießt die Wärme vom Hals runterwärts, während der Schnee einem auf der Glatze liegenbleibt! Ein Aufenthalt in einem Onsen mit Außenbereich, welcher in einer schönen Gegend gelegen ist, bewerte ich jetzt als Pflichtprogramm, wenn man nach Japan fliegt! Merkt Euch meine Worte!

Als wir aus Hokkaidō heimkamen, legte ich mich schnell schlafen und fuhr schon am nächsten Tag zum Bahnhof in Kyōto, an welchem ich mit dem Leiter des Zentrums für Japanstudien Tübingen in Kyōto, an welchem ich auch dieses Jahr studierte, traf. Eine Reise in die Präfektur Shimane war geplant und zwar mit einem Shinkansen, dem japanischen Schnellzug. Aufgrund der hohen Shinkansen-Preise hatte ich Angst, dass ich diese Must-Have-Erfahrung, mit dem Shinkansen zu fahren, nicht mitnehmen werden kann, doch zum Glück wurde uns die Fahrt vom Veranstalter, welcher uns in die Stadt Unnan in Shimane einlud, gezahlt.

Für die, die sich nicht mehr erinnern können: Eines Tages, während der Prüfungsphase, wurde ich von meinem Professor überraschend gefragt, ob ich in der Präfektur Shimane nicht an einer Veranstaltung teilnehmen will, an welcher ein Schüler aus Deutschland (ich) seine Erfahrungen mit der politischen Bildung in Deutschland mitteilen soll. Da politische Bildung ein Thema ist, welches mich sehr interessiert und ich mir ungern interessante Erfahrungen entgehen lasse, stimmte ich sofort zu und bereitete mich spontan auf den Ausflug vor, von welchem ich lange Zeit nicht genau wusste, was genau von mir erwartet wird.

In der Stadt Matsue wurden wir vom Veranstalter abgeholt, welcher uns ein wenig in der Gegend herumfuhr und uns erklärte, was der Sinn dieser Dorfveranstaltung sein soll. Diesen möchte ich Euch nicht vorenthalten:
In Japan wurde letztes Jahr das Wahlrecht ab 18 Jahren eingeführt. Laut Herr Kurozaki, dem Veranstalter, ist es aber sehr schade, dass somit viele junge Leute zur Wahl gehen, ohne in der Schule eine richtige politische Bildung genossen zu haben. Viele scheinen also keine Ahnung zu haben, was sie mit ihrer Stimme bewirken können bzw. haben vielleicht gar nicht ihre eigene Meinung geformt, ohne welche sich eine Wahl als ziemlich schwierig gestalten kann.

Laut Herr Kurozaki fehlt es in Japan an Orten, an denen man frei seine Meinung sagen kann, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Ohne Orte, an denen Menschen ohne Sorge ihre Meinung sagen können, gibt es logischerweise auch keine Orte, an denen man sich verschiedene Meinungen anhören kann, um seine eigene Meinung zu formen oder diese immer wieder nochmal zu überdenken. Laut seiner und unserer Auffassung, sollte das Klassenzimmer ein solcher Ort sein, doch dies scheint in Japan leider nicht der Fall zu sein, weshalb Herr Kurozaki seine Stadt Unnan zu solch einem Ort machen will. Deshalb will er regelmäßig zu Treffen einladen, in welchem man sich verschiedene Meinungen anhört und dort seine eigenen Gedanken problemlos äußern darf.

Die Veranstaltung mit unserer Teilnahme war die Erste dieser Art. Menschen aus Deutschland, welche selbst politische Bildung als Schüler genossen haben (ich, ein Student aus Shimane und der Prof), erzählen über ihre Erfahrungen und die Anwesenden, welche zum größten Teil Lehrer und Verwaltungsangestellte waren, hören zu, stellen Fragen und überlegen sich, ob das deutsche System nicht ein gutes für ihr Land/ihren Unterricht/ihr Leben wäre.

In den nächsten Veranstaltungen will Herr Kurozaki auch Menschen aus anderen Ländern einladen und sie über ihre Erfahrungen berichten lassen, sodass die Menschen von Unnan viele Meinungen mitbekommen und sich anhand dieser ihre eigene Meinung zum Thema bilden können.
Die Veranstaltung verlief sehr locker. Anfangs war ich sehr aufgeregt, da es wohl meine erste ernste Veranstaltung war, in welcher ich vor Menschen auf Japanisch mehr oder minder komplizierte Sachverhalte mitteilen soll. Doch durch gute Vorbereitung und ein gewisses Level an Japanisch, habe ich dies geschafft und dies meiner Meinung nach sogar ziemlich gut.

Doch das wahre Lob geht hier ganz klar an Herr Kurozaki, einem fast 60-jährigen Mann, welcher zwar nie Japan verlassen hat, aber sehr tiefe und „westlich geprägte“ Gedanken äußert und diese auch verwirklichen will. Während er seiner Arbeit nachgeht und nebenbei auch viele andere Jobs in seiner Ortschaft vollbringt, sorgt er sich auch um die Mündigkeit der jungen Menschen, welchen er mit solchen Veranstaltungen helfen will. Ich hoffe sehr stark, dass seine Vorhaben Früchte tragen werden und Unnan irgendwann zu einer Pionierstadt der freien Meinungsäußerung und des freien Meinungsaustausches in Japan wird! Die ersten Schritte wurden getätigt und ich bin unglaublich stolz, meinen Teil dazu beigetragen zu haben. Auch hoffe ich, dass viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Ländern nach Unnan gehen werden und dort ihre Erlebnisse teilen!

Wenn ihr könnt, dann besucht unbedingt diesen kleinen Ort. Nicht nur die Tatsache, dass er vielleicht in Zukunft ein Ort der neuen japanischen Demokratie werden kann, macht diesen Ort verlockend, sondern auch die Ausblicke und Sehenswürdigkeiten dort sind auf jeden Fall einen Ausflug wert! Sehr selbst hier oder bei mihau_travel_exp :)

Das wars von mir! Ich bin sehr glücklich, dass mein letzter Eindruck von Japan ein solcher war und ich bin immer noch geflasht von den Mühen, welche Herr Kurozaki in seine Ideen steckt! Solche Helden braucht die Menschheit!

Wir sehen uns dann nächste Woche beim letzten Blogeintrag :)









 






 
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